Umgang mit Migranten - La vita nouva - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Umgang mit Migranten - La vita nouva

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Umgang mit Menschen

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La vita nouva - das neue Leben der Rosinella Lamattina

Migration Integration in Deutschland und Migranten - Umgang mit Menschen - das neue Leben in Deutschland


Rosinella Lamattina ist Tochter eines italienischen Gastarbeiters und beginnt mit
40 Jahren ein neues Leben als Kleinunternehmerin in Deutschland

Der Name ist ein Versprechen: Rosinella Lamattina. Das ist der Klang vom Süden Italiens, von einem Leben, das ein süßes ist. Dort, auf dem Spann des kartografischen Stiefels, ruht der Blick vom Bergdorf auf dem Meer, schmeckt das selbst gemachte Olivenöl rauchig und die Kinder spielen in Trikots des SSC Neapels Fußball.

Ein Bild, das geschaffen ist für Filme mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren, die sich in der Mittagshitze bei erfrischender Zitronenlimonade erholen.
Das kleine Dorf in der Provinz Salerno Caggiano ist Rosinella Lamattinas Geburtsort. Hier verbrachte sie die ersten zwei Lebensjahre, erlebte ihre Großeltern, das Gefühl, Teil einer Familie zu sein. Eines Frühlingstages sagte der Vater zu seiner Frau: "Komm, wir gehen nach Deutschland". 1973 war das, die erste Ölkrise stellte die Welt vor neue Aufgaben. Der Vater hatte eine Stelle bei einem Bauunternehmen in der Nähe von Heidenheim, im schwäbischen Ostalbkreis, gefunden, wo bereits sein Vater zum Arbeiten lebte. Er war Gastarbeiter in einem fremden Land.

Rückblick___________________

Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist Italien bitterarm, während nebenan, im Verliererland Deutschland, das Wirtschaftswunder unter dem Bundesminister für Wirtschaft, Ludwig Erhard, zu gedeihen beginnt.

Vor allem für körperlich schwere Berufe fehlen Arbeitswillige. Durch die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht werden dem deutschen Arbeitsmarkt weitere Männer abgezogen.

Die Lösung sehen Erhard und die Arbeitgeber in einer Vereinbarung "über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften", die im Dezember 1955 in Rom von der italienischen und deutschen Regierung unterzeichnet wird.

Deutsche Firmen werben nach Vertragsabschluss mit Plakaten für "Vita nuova" - das neue Leben in Deutschland.

Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit richtet Emigrationszentren in Verona und Neapel ein. Nach aufwändigem Papierkrieg und einer Gesundheitsprüfung durch deutsche Ärzte (mit Fragen wie "Sind Sie Bettnässer?") erhalten Italiener einen auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag und eine Zugfahrkarte nach Deutschland.

1956 treffen die ersten italienischen Gastarbeiter in der Bundesrepublik ein. Die meisten sind Männer, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind.

In den ersten Jahren werden nur jeweils knapp 20.000 Arbeiter nach Deutschland vermittelt. Erst nach dem Mauerbau steigen die Anwerbungen aus Griechenland, Spanien, Portugal und der Türkei stark an. Der millionste Gastarbeiter kommt bereits 1964 nach Deutschland. Es ist der Portugiese Armando Rodriguez. Er bekommt als Willkommensgeschenk ein Moped.

Meist führen die Gastarbeiter als mobile Arbeitskraftreserve harte und schmutzige Arbeiten aus und leben in miserablen Gruppenunterkünften. Erst Anfang der Siebziger werden Mindeststandards für Arbeiterunterkünfte festgelegt. Im selben Jahr beginnt die Ölkrise, die Bundesregierung verhängt einen  Einwanderungsstopp. Die Mehrzahl der Gastarbeiter kehrt wieder nach Italien zurück.
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Auch Rosinella Lamattinas Großvater verlässt die schwäbische Alb und fährt zurück in die alte Heimat. Ihre Eltern bleiben. Die zweite Tochter wird geboren.

Viele Jahre sind vergangen. Im Rückblick hat Rosinella Lamattina das Gefühl damals von zuhause weggerissen und in ein fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannten Bräuchen verschleppt worden zu sein. "Das hört sich grausam an, aber es ist mein Empfinden", sagt sie. Die Anfangszeit sei schlimm gewesen. Keine vertraute Großfamilie um sich und Kinder, die sie nicht zum Spielen einluden, sondern lachten als Rosinella einen Badeanzug für den Sportunterricht statt eines Turnanzuges trug. Das Mädchen aus dem Süden Italiens weigerte sich Deutsch zu sprechen. Sie fühlte sich vergessen.

Erst auf der weiterführenden Schule brach der Bann, das Deutsch floss mit steigender Anerkennung und der Wahl zur Schülersprecherin. Den Schulabschluss macht sie mit der Note "Gut" in Deutsch.

Ihr Leben damals ist erfüllt. Die Laufbahn in einem Heidenheimer Unternehmen nimmt Fahrt auf und die kranke Mutter bekommt ihre Fürsorge. Ihr Alltag ist von Arbeit und den Erwartungen des Umfelds geprägt. Im November 2008 ist es zuviel. Ihre Mutter ist gestorben, die Arbeitswelt ist keine einfache. Rosinella Lamattina versteht, "dass die Welt nicht perfekt ist".

Sie lernt sich ernst zu nehmen und sagt sich: "Rosi, überleg dir was". Sie ist Ende 30 und ändert ihr Leben. Sie lässt sich freistellen, findet zwei Räume in der Stadtmitte Heidenheims - und entdeckt ihre Wurzeln.

Nachdem die lokalen Bankinstitute ihre Finanzierungsgesuche abgelehnt haben, stemmt sie nun aus eigenen Mitteln ihren Traum von einem italienischen Feinkostgeschäft. Sie bringt ihre Heimat nach Deutschland, den Wein, das feine Olivenöl, die Pasta. "Sehen Sie", sagt die Kleinunternehmerin, "die Menschen sollen sich Gutes tun". Sie streicht über einen hellblauen Flakon Olivenöl.
Das neue Leben fühlt sicht gut an.

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Maren Becker



Rosinella Lamattina holt sich mit ihrem Feinkostladen den Duft Italiens nach Deutschland.












  


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Fotos: Hafen ©by Peter-Heinrich, Oel©by Gabi Schoenemann, Essig&Oel + Oliven + Salami©by RainerSturm/www.pixelio.de

 
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