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Sprache und Migration - Ein Syrer erzählt

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Sprache und Migration
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Migration Integration in Deutschland und Migranten - Sprache und Migration - Abu Salem berichtet

Ein Syrer erzählt

Wenn es regnete


Seit 20 Jahren lebt der Syrer M. Abu Salem in Deutschland. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und hat zwei Kinder. Geboren nahe Damaskus, schreibt der Autor in Migmag regelmäßig über seine zweite Heimat, seine Sehnsüchte und die Schönheit der Stille.
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"Wenn  wir über ein Lebensereignis erzählen wollten, flüchteten  manchmal die Worte aus unserem Wege wie Schmetterlinge; wie  Schmetterlinge, die an einem schönen Frühlingstag von  spielenden Kindern gejagt wurden".


Es regnet während die Menschen an mir vorbei in alle  Richtungen eilen. Ich bleibe stehen, wie ein altes Denkmal,  dem keiner Beachtung schenkt. Ich kann mir ihre Gesichter nicht  merken, nicht wer ein lachendes, oder ein ernsthaftes Gesicht hat.

Alles, was ich sehe und fühle, ist eine Flut von Bildern. Ich höre  lachende Kinder und glückliche Eltern, die außer sich vor Freude  sind. Es ist so schön, dass ich mich auf eine Zeitreise in meine  Kindheit versetzt fühle. Wir spielten und hüpften halbnackt im  Regen. Die Frauen eilten in ihre Hauser und aus ihnen heraus und  brachten Töpfe, um sie mit Regenwasser zu füllen. Die Wolken  waren schon eine Ewigkeit unterwegs.

Wenn es regnete, haben die Nachbarn aufgehört zu streiten. Sie  kamen plötzlich auf die Idee, zusammen Tee zu trinken.  Von da an, wussten sie nicht mehr, worüber sie gestritten hatten.  Das Wasser spülte alles fort und reinigte alles: den Staub, unsere Trauer  und unsere Streitereien. Unsere Hoffnung auf einen schönen  Morgen blühte und gedieh von jetzt auf nachher.

Wie oft möchte ich in Deutschland einige Leute anhalten, um  ihnen zu sagen, wie glücklich könnt ihr sein, dass es regnet. Ich weiß,  wie schlecht gelaunt viele sind, weil es regnet, doch sie vergessen,  wie glücklich sie wegen der vielen Seen, Flüsse und Bäche sein können.

Wie gut riecht die nasse Erde meiner Heimat. Wo sind die Lieder  und wo ist das Singen und Jubeln der Frauen?  Es mag sein, dass die Sehnsucht nach zuhause all diese Bilder in mir hervorruft.  Plötzlich spüre ich die Nässe und erinnere mich, wo ich bin.  Ich setze meinen Weg fort und bin kurz darauf im Strom der dahineilenden Menschen verschwunden.
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Autor: M. Abu Salem, 26.10.2010


M. Abu Salem




   







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Foto Regen: ©by Christoph-Aron/www.pixelio.de

Fotos M.Abu Salem ©by Ulle Rössler

 
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