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Migration - Das gefällt uns: Margot Kässmann, Antrittsvorlesung

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Das gefällt uns

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ANTRITTSVORLESUNG

Margot Käßmann ist nach zehnmonatiger Auszeit im neuen Leben angekommen. In ihrer Antrittsvorlesung an der Ruhr-Universität Bochum wirbt sie für eine multikulturelle Gesellschaft.


Sie ist wieder da. Klein, schmal wie eh und je, aber raumgreifend. Margot Käßmann füllt Kirchen, Messehallen und jetzt eben auch Hörsäle. Fast 2000 Besucher wollen ihre Antrittsvorlesung erleben, die Ankunft im neuen Leben nach "Trunkenheitsfahrt", Rücktritt vom Bischofsamt und zehnmonatiger Auszeit.

Die mächtige Klais-Orgel gibt dem Auditorium Maximum der Ruhr-Universität Bochum eine sakrale Note. Das passt. Es sind viele Fans gekommen, Protestanten und Katholiken, Junge und Alte, von überall her aus dem Ruhrgebiet. Viele sagen, sie wollten Käßmann einfach mal live sehen. Fast wie beim Kirchentag.
Sie kommen auf ihre Kosten. Der Vortrag "Multikulturelle Gesellschaft - Wurzeln, Abwehr und Visionen" ist alles andere als ein Ausbund professoraler Gelehrsamkeit. Käßmann spricht von Begegnungen und Erlebnissen in den USA, wo sie vier Monate lang als Dozentin tätig war.
Schmelztiegel-Romantik schwingt durch den Raum, das Ideal einer Gesellschaft, in der sich alle als Amerikaner verstehen, obwohl sie oder ihre Vorfahren doch alle zugewandert sind. Bis auf die Indianer. Die freilich "waren nicht der Maßstab für Anpassung", befindet Käßmann spitz.

Sarrazins "Populismus" als Paradebeispiel für die Angst vor dem Fremden

Damit hat sie schon nach wenigen Minuten ihren Diskussionsgegner ins Rund geholt. Jedoch nur als Unperson. Kein einziges Mal spricht sie direkt von Thilo Sarrazin. Aber damit man das auch merkt und der Name wenigstens einmal vorkommt, zitiert sie einfach seinen Namensvetter Manuel, den Grünen-Bundestagsabgeordneten. Diesem Sarrazin, sagt sie, "stimme ich vollkommen zu".
Den anderen, den Ex-Bundesbanker, und sein "populistisches Pamphlet" nimmt sie dagegen voll auf die Hörner - als Paradebeispiel für die Angst vor dem Fremden. Das "christliche Abendland" wäre "ohne Migration gar nicht erst entstanden", proklamiert sie und warnt vor kulturellem Rückschritt durch Abschottung.

Mit sicherem Gespür fürs Atmosphärische mixt sie Beispiele und praktische Vorschläge in ihren Gedankengang. Warum die Deutschen ihre ungeheure Integrationsleistung in der Nachkriegszeit eigentlich nicht feierten, wundert sich Käßmann. Und fragt, ob ihr Freund, der Franzose mit österreichischer Mutter und portugiesischem Vater, der zu Weihnachten Lichterketten aufhängt, der Greenpeace-Mitglied und Edeka-Fan ist - ob dieser Freund denn nun "multikulti" sei oder ein Repräsentant der deutschen Leitkultur.

Ein garstiger Graben trennt diese Performance-Rhetorik vom spröden akademischen Binnenmilieu. Aus einer Vorlesung macht Käßmann unbefangen eine halbe Predigt mit vielen Hinweisen auf biblische Migrationsgeschichten. Emotional warnt sie vor Grundängsten, mit denen sich kulturelle und religiöse Differenzen aufheizen lassen, bis zur Gewalt. Der christliche Pazifismus stehe dem zwar entgegen, sei aber in der Praxis "ein immenser Kraftakt", was sich aktuell bei den Kopten in Ägypten zeige.

Ihr Credo kleidet die Theologin in persönliche Erzählungen von gelungener Integration

Locker verbindet sie Habermas- und Levinas-Zitate mit dem emphatischen Bekenntnis: "Der christliche Glaube hat ein weites Herz für Inkulturation." Bestes Beispiel dafür, laut Käßmann: das Osterfest. Von Küken, Eiern und Häschen sei in der Bibel ganz gewiss keine Rede. Und doch ist das christliche Fest damit inzwischen fest verbunden.

Wie so oft bei Käßmann kommt es am Ende weniger darauf an, was sie sagt, sondern wie sie es sagt - und dass sie es ist, die etwas sagt. Verfassungstreue, Spracherwerb, Bildung, Toleranz als Schlüssel zu gelingender Integration - allesamt keine unerhörten Befunde. Aber verbunden mit einer persönlichen Geschichte macht Käßmann daraus etwas Authentisches, Überzeugendes: In der kleinen Wohnung eines Schulfreunds, so habe es ihre Tochter schockiert berichtet, "wurden morgens die Matratzen an die Wand gestellt". Die Eltern "waren arm, ungebildet und zugewandert. Aber sie haben alles gegeben. Und alle sieben Kinder haben erfolgreich studiert!"
Darum gehe es: um das Erzählen der Geschichten von gelungener Integration. Frau Professor Dr. Dr. h.c. Käßmann hat in Bochum diese Aufgabe in Angriff genommen.

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Quelle: Frankfurter Rundschau, Joachim Frank, 12. 01. 2011


>> komplette Antrittsvorlesung Margot Käßmann

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