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Geschichten über Menschen - Brasilien: Unterschiede

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Geschichten über Menschen
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zum Thema Migration, Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund - Wellemut aus Brasilien

Luftpost aus Brasilien

Mit seiner Luftpost erzählt Wellemut in regelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse in Brasilien, wo er derzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Über Wellemut:
Ich bin Wellemut. Zumindest nenne ich mich so, während ich aus Brasilien für "migmag" berichte. Wie der Name sagt, bin ich mutig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, vor dem ich Angst haben sollte. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt nach meinem Abitur einen entwicklungspolitischen Dienst in der Südzone São Paulos zu machen, in einer Favela, der Wohngegend der Armen. Gerade 20 Jahre alt geworden, bin ich aber, anders als es mein Name vermuten lassen könnte, im August 2010 nicht mit dem Boot über die Wellen des Atlantischen Ozeans gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Seither tauche ich jeden Tag tiefer in die Fluten der bunten brasilianischen Kultur ein.

In einer Sozialorganisation arbeite ich als Hortgruppenleiter mit Kindern zwischen 10 und 15 Jahren und lerne so relativ schnell die portugiesische Sprache, die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Immigration. Nachmittags gebe ich Cello-Unterricht und abends erlebe ich das brasilianische Leben.


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Brasilianer haben die Fähigkeit, den Moment zu genießen!
Auf einer 20-minütigen Busfahrt tausche ich mit Wildfremden mehr aus, als mit meinen Klassenkameraden, die ich seit über13 Jahren kenne. Doch sich für ein weiteres Treffen zu verabreden, schlägt fast immer fehl. Warum aber alten Freunden nachtrauern? Wenn Gott will, trifft man sich schon wieder. Neue Freunde sind auch interessant und es gibt doch so viele nette Menschen in Brasilien ... Wer sich am Montag für Sonntag verabredet, muss schon sehr viel Glück haben, nicht umsonst zu warten. Hier glaubt man an Gott, nicht an den Terminkalender.

Doch daran kann man sich gewöhnen und viel mehr, ich kann es lieben lernen, ich muss mich nur auf den neuen Wortschatz einstellen. "Morgen" bedeutet im Portugiesischen "nein". Fragst du, ob jemand dir helfen kann, einen portugiesischen Text zu lesen, dich irgendwo hinzubegleiten oder dir Geld auszuleihen und die Antwort ist morgen, dann frage den nächsten Freund oder vergiss es, aber erwarte nicht, dass sich morgen seine Antwort anders anhören wird;  es wird bis zum Jüngsten Tag bei "morgen" bleiben.

Überdies klappen bei mir auch die einfachsten Dinge nicht mehr, die mir gerade hier helfen könnten. Gitarre spielen? Fehlanzeige
. Die brasilianische Musik ist sehr eigen. Mir ist aufgefallen, dass ich im deutschen Radio nie brasilianische Musik, Samba oder Forro gehört habe. Die Lieder sind generell sehr schnell und haben sehr viel Rhythmus, allerdings einen sehr leichten, wechselhaften und ungewissen. Für mich ist er sehr schwer. Auch scheint mir, in den Liedern die Melodie zu fehlen. Es ist nur eine sehr schmale Bandbreite von Tönen, die nie lange gehalten werden. Ich muss erstmal ganz neue Griffe lernen, obwohl ich in Deutschland bereits seit zehn Jahren erfolgreich gespielt habe. Die Begleitung besteht fast ausschließlich aus Septakkorden, wobei die Melodie sich kaum danach richtet und so eine leichte Dissonanz entsteht. Die Gitarre ist eher ein Rhythmus-Instrument, deren Rhythmen ich einfach nicht lernen kann.

Die Brasilianer lieben jedoch diese lockere Art und fangen auch immer gleich an zu tanzen. Eine Freundin, Tanzlehrerin und Sängerin, erklärt mir, warum diese Musik, in der ich keine Harmonie erkenne, so beliebt ist. Die Herkunft der Brasilianer ist genauso unklar wie die Taktanfänge in der Musik.
Es gibt keine brasilianische Kultur! In der deutschen Musik, beim Walzer ganz besonders, gibt es immer einen klaren Rhythmus, der durchgängig gleich bleibt, und den die Brasilianer als langweilig empfinden.

Die traditionelle deutsche Kultur hat sich über Hunderte von Jahren gebildet. In Brasilien findet man schwer zwei Menschen mit der gleichen Hautfarbe. Jeder hat eine andere Tönung
: Schwarz, weiß, braun, gelb und rot mischen sich in allen Kombinationen. Afrikanische, indianische, europäische, japanische und amerikanische Kulturen kreuzen sich in allen Formen. Deren jeweilige Musik vermischt sich und keiner weiß mehr, wo wer und was überhaupt herkommt. Plötzlich versteht man dadurch die Kultur.

Ich tauche jetzt nach vier Wochen erst richtig ein und damit stößt man hier und da an, wie ein Kind, das lernt, sich zu benehmen. An diesen Punkt kommen vermutlich alle Immigranten einmal, nur dass in Brasilien der Fall durch die vielen Sozialkontakte gebremst wird. Ich stehe gerade am Tiefpunkt der Gefühle. Höchste Zeit also durchzustarten, Portugiesisch lernen, in das Leben stürzen, denn es kann von jetzt ab nur noch besser werden
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Autor: Wellemut, 04.12.2010

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Fotos links: oben ©by Rainer Sturm, groß: ©by Sandra/www.pixelio.de

 
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