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Migration - Abschiebung der Schriftstellerin Maria Amelie

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Menschen und Migration
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Abschiebung der Schriftstellerin Maria Amelie


Es stellte sich heraus, dass Norwegen die Norwegerin des Jahres nicht braucht.

Migration: Protestaktion in Norwegen gegen die Ausweisung der Schriftstellerin Maria Amelie


Eine russische illegale Immigrantin (Jg. `85) hat im ruhigen skandinavischen Norwegen einen Ausbruch von Emotionen ausgelöst. Dieses Mädchen, das im Land als Schriftstellerin mit dem Pseudonym Maria Amelie bekannt ist und den Titel „Norweger des Jahres“ erhielt, kann in dieser Woche nach Russland ausgewiesen werden.

Maria Amelie lebt in Norwegen seit 2000. Sie traf dort zusammen mit ihren Eltern ein. Das ist eine komplizierte Geschichte. Jetzt kann schon niemand mehr die Gründe der Emigration dieser ossetischen Familie aus Russland nennen. Um so mehr als das Mädchen selbst, das eigentlich Madina Salamowa heißt, damals minderjährig war. In den vergangenen Jahren erlernte sie die Sprache und bekam trotz ihres illegalen Status die Hochschulbildung – sie wurde Technologie-Ingenieurin. Sie wurde populär, nachdem sie das autobiographische Buch „Eine ungesetzliche Norwegerin“ schrieb, in dem sie über das Leben der illegalen Immigranten in dem reichsten Staat Europas schrieb. Die populäre Wochenschrift „Ny Tid“ verlieh ihr für dieses Buch 2010 den Titel „Norweger des Jahres“. Er wird gewöhnlich bekannten Sportlern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden verliehen. Aber der Ruhm dauerte nicht lange. Der jungen Schriftstellerin kam sofort die Polizei auf die Spur. Der ITAR-TASS-Korrespondent in Oslo Anatolij Najdjonow berichtete:

„Sie wurde in ein geschlossenes Flüchtlingslager bei dem Flughafen von Oslo gebracht. Es wurde bestimmt, dass man sie innerhalb von zwei Wochen des Landes verweisen wird. Die nächste Umgebung des Mädchens – das sind ihre Freundinnen und Freunde, hauptsächlich aus der Universität von Trondheim, leitete eine Kampagne für ihre Freilassung ein. In Oslo fand eine Demonstration statt, an der Hunderte Menschen teilnahmen. Sie trugen Fackeln und Losungen für die Liberalisierung der norwegischen Migrationsgesetzgebung. In anderen Städten – Bergen und Troms – fanden Mahnwachen statt. Das heißt, dass das Mädchen bei den Norwegern tatsächlich Sympathie hervorruft. Als Beispiel einer Emigrantin, die sich in ihr Land gut integriert hat.

Es ist eine innere Angelegenheit Norwegens, wie man sich mit den Immigranten verhält. Aber die Verteidiger von Maria Amelie fragen die Behörden: „Warum gewähren wir Menschen mit einer zweifelhaften Vergangenheit Asyl und verweisen dabei einen talentierten Menschen mit norwegischer Ausbildung, der in die norwegische Gesellschaft völlig integriert ist und dem Staat Nutzen bringen kann, des Landes?“

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Quelle: Stimme Russlands, 18. 01. 2011



Kein Mensch ist illegal - oder doch? Ein Plädoyer für mehr Phantasie

"Norge reiser seg for Maria Amelie" - 'Norwegen erhebt sich für Maria Amelie' ! So und ähnlich waren in den letzten Tagen die Schlagzeilen in der norwegischen Presse. Was bringt unsere doch sonst eher ruhigen und pragmatischen nördlichen Freunde so in Rage? Es ist eine 'papirløse', eine Papierlose, d.h. eine illegale Einwandererin. Seit Mittwoch hat dieses eher spröde Problem, das normalerweise nur Flüchtlingsorganisationen und Polizei beschäftigt, ein Gesicht bekommen: Maria Amelie, eine junge, symphatische
Frau aus dem Kaukasusgebiet. Mittwoch abend wurde sie von der Polizei verhaftet, und seitdem brodelt es in Norwegen.

Maria Amelies Eltern flohen mit ihrer damals minderjährigen Tochter 2000 nach Finnland und 2002 weiter nach Norwegen. Ihr Asylgesuch wurde abgelehnt. Eine juristische Auseinandersetzung darüber zog sich hin, Maia Amelie absolvierte in der Zeit die höhere Schule in Norwegen und schloss ein Studium an der Universität Trondheim mit dem Mastergrad ab. Sie spricht perfekt norwegisch, engagierte sich als Freiwillige, wurde nie kriminell - also eine Einwanderin, wie sie sich jede Integrationsbeauftragte erträumt.
Wäre da nicht die Tatsache, dass sie illegal im Lande ist. Und dass sie ihr Leben als "Illegale" öffentlich gemacht hat. Maria Amelie hat ein Buch über ihr Leben als Illegale geschrieben ("Ulovlig norsk" - etwa: "unerlaubt norwegisch" ), hält Vorträge über das Problem der 'papirløser' und bloggt. Im Dezember wurde sie vom Wochenmagazin Ny Tid zur 'Norwegerin des Jahres' gewählt.

Mittwoch Abend dann der Schock: Nach einem Vortrag im Nansen-Haus - ironischerweise, denn F. Nansen ist wegen seiner Verdienste als Polarforscher und vor allem seinem Einsatz für Flüchtlinge der norwegische Nationalheld schlechthin - wurde Maria Amelie von der Polizei festgenommen, einer demütigenden Leibesvisitation unterzogen und soll nächste Woche das Land verlassen.

Seitdem kein Tag ohne Demonstrationen oder andere Unterstützungsaktionen. Die Regierung gerät zunehmend unter Druck; will Premierminister Jens Stoltenberg nicht als herzloser Unterstützer einer kalten Paragraphenmaschinerie dastehen, muss er sich eine smarte Lösung einfallen lassen.

Es ist das Dilemma Vorschrift contra Menschenverstand. Die Vorschrift sagt: Wenn sich jemand illegal in einem Land aufhält, muss er ausreisen - egal ob sympathische junge Frau oder weniger sympathischer Zeitgenosse. Und hier haken auch Kritiker der Maria-Amelie-Begeisterung ein: wäre die Unterstützung für Ali aus der Autowerkstatt genauso groß gewesen, oder hätte es uns dann kaltgelassen? Das Gesetz ist doch für alle gleich.

Toleriert der Staat den illegalen Aufenthalt von Maria Amelie, muss er das in vielen anderen Fällen auch tun. Ein Damm würde brechen, und Norwegen von einer Flut 'Illegaler' überschwemmt, der man dann hilflos gegenüberstünde.

Soweit die Polizei. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen - Gleichheit vor dem Gesetz ist ein wichtiger Grundsatz unserer Gesellschaft. Aber der Verstand und das Gefühl mögen sich diesem rigorosen Prinzip nicht beugen. Welchen Vorteil, außer dem Gesetz Genüge getan zu haben, hätte die Ausweisung von Maria Amelia? Wird Norwegen sicherer? Sinken die Steuern? Steigen die Renten?

Natürlich alles Unsinn. Wenn Maria Amelia solch eine Bedrohung darstellt, warum durfte sie hier zur Schule gehen? Sogar einen Universitätsabschluss machen? Sie lebt seit 10 Jahren hier, ohne dass Norwegen deshalb untergegangen ist; es ist auch nicht zu erwarten, dass dies in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren geschieht.

Und so fragen sich viele: warum dürfen kriminelle Ausländer im Land bleiben, eine unbescholtene junge Frau aber nicht? Warum darf Mullah Krekar, ein übler Hassprediger, wohl beschützt von norwegischen Gesetzen sein Gift verspritzen und gegen die norwegische Gesellschaft hetzen, die gut integrierte Maria Amelie dagegen wird vom norwegischen Staat gedemütigt und aus dem Land gejagt?

Die Zeichen stehen gut, dass sich für Maria Amelie eine pragmatische Lösung finden wird. Viele Firmen und Organisationen haben ihr eine feste Stelle angeboten, was ihr unter Umständen ein Verbleiben im Land und eine 'Legalisierung' ermöglichen wird. Aber was ist mit den anderen 'Papierlosen', in Norwegen, in Deutschland, in den anderen Ländern Europas?
Immer wieder liest man auch in deutschen Zeitungen, dass gut integrierte Ausländer ausgewiesen werden, nachdem sie viele Jahre in Deutschland gelebt haben und oft auch eine gute Ausbildung genossen haben. Welchen Sinn hat es, diese Leute auszuweisen?

Warum kann nicht ein jahrelanger Aufenthalt, verbunden mit guter Integration, den Mangel der illegalen Einreise heilen? Ich bin kein Jurist, aber ich weiss, dass zum Beispiel ein Diplom oder Doktorgrad nicht aberkannt wird, wenn sich herausstellt, dass man als Student versäumt hat, irgendeinen Schein für die Zwischenprüfung abzuliefern und dass das damals keiner bemerkt hat. Ließe sich nicht ähnlich mit den Maria Amelies Europas verfahren?

Wir sollten in dieser Frage mehr Phantasie und Flexibilität walten lassen. Die menschlichen Schicksale sind zu schwerwiegend, als dass wir sie den Paragraphenreitern überlassen dürfen. Und: wollten wir nicht immer gut ausgebildete und integrierte Einwanderer haben? Warum schmeißen wir sie dann raus?

Gut, dass die Illegalen und Papierlosen jetzt ein Gesicht haben. Dafür danke, Maria Amelia.

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Quelle: ZEIT Online, VON FRAGEZEICHEN44 15.01.2011

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