Geschichten über Menschen - Cecilia Achu - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Geschichten über Menschen - Cecilia Achu

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Geschichten über Menschen
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Luftpost aus Kamerun

Mit seiner Luftpost erzählt Ernst Elsenhans, 70, von seinem Leben in Bali, einem kleinen Dorf in Kamerun. Mit Kamerun verbindet den pensionierten Lehrer mehr als die Liebe zum afrikanischen Kontinent: Seine drei Kinder sind in Kamerun geboren. Im dritten Jahr unter-richtet der Naturwissenschaftler an der ältesten Schule des Bezirks Computerwissenschaften. In migmag erzählt Ernst Elsenhans von Menschen, die Teil seines Alltags in Bali sind.

migmag Geschichten über Menschen - Cecilia Achu


Cecilia Achu
In drei Teilen erzählen wir in migmag die Geschichte von Cecilia, einer jungen Frau aus Bali, die nach zwei schweren Verbrennungsunfällen den langen Weg in ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben findet.
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Teil 1: Kindheit und Jugend

Nach eigenen Angaben wurde Cecilia im April 1985 im Krankenhaus in Bali geboren. Eine Geburtsurkunde existiert anscheinend nicht.  Sie hat noch vier Geschwister.

Der Vater, Mr. Dissi Muchonkwa, war Farmer. Er hatte eine große Kaffee-Plantage, von der heute nur noch Reste vorhanden sind. Daneben schenkte er Palmwein aus und verkaufte ihn auch. Damit war ein Grundstock für die Ernährung seiner Familie gegeben. Seine erste Frau, die noch lebt, brachte drei Kinder zur Welt. Sie lebt heute in der Stadt Bali im Compound der Großfamilie Muchonkwa, und spielt perfekt die Rolle der "bösen Stiefmutter".

Die zweite Frau, Cecilias Mutter, hieß Agnes Ka und stammte aus Gemua, dem ersten Dorf, das zu Batibo gehört. Die zwei Frauen haben sich anscheinend nicht vertragen. Deswegen ist wohl die erste Frau mit ihren zwei jüngsten Mädchen1988 in die Südwest Provinz gezogen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Vater blieb mit dem Rest der Familie im Compound in Gungong.

Das Verhältnis des Vaters zu seiner zweiten Frau war gut. Das erklärt auch, dass er den zweiten Sohn aus dieser Beziehung zu seinem Nachfolger ("chopchair") im Familien-Compound bestimmt hat. Dies ist einer der Konfliktpunkte mit seiner ersten Frau und deren Kindern.

1990 ist dann der Vater plötzlich verstorben. Nach den Bräuchen der Balileute halte ich es durchaus für möglich, dass da auch etwas nachgeholfen wurde. Die erste Frau kommt zur Beerdigung. Die Stiefmutter "zaubert" am Grab, d.h. sie schlägt darauf. Daraufhin schwillt ihre Hand an und bleibt ein halbes Jahr geschwollen.

Nach zwei Wochen geht Cecilias Mutter mit der jüngsten Tochter Delphine zurück in die Provinz. Cecilia wohnt bei ihrer Großmutter in Gemua und erlebt dort wohl die glücklichste Zeit ihrer Kindheit. Sie berichtet, dass sie damals öfters am Markttag die 10 Kilometer von Gemua nach Bali zu Fuß gelaufen ist mit einem schweren Korb voll Mais auf dem Kopf. Bei einem Bruder der Großmutter konnte sie übernachten; und am nächsten Tag ging es zurück mit dem inzwischen gemahlenen Mais.

2002 kehrt ihre Mutter krank zurück, genest für kurze Zeit und stirbt 2003. Cecilia kommt zu einer Tante nach Guzang, etwa weitere 10 Kilometer westlich von Gemua. Dort geht es ihr gut, bis die Tante stirbt und sie in die Obhut von deren Tochter kommt, wo sie praktisch als Sklavin gehalten wird: Sie darf die Schule nicht mehr besuchen, muss stattdessen die ganze Zeit die zwei Kinder (6 Jahre und 2 Jahre) ihrer Herrin hüten und versorgen, während die Tante aufs Feld geht, um zu arbeiten. Cecilias wird viel geschlagen, ist sehr unglücklich.

"Der Tag, an dem die Großmutter kam …!"

Irgendwie muss die Großmutter von den Verhältnissen erfahren haben. Sie hatte keine Ahnung, wo Cecilia zu finden sein könnte und hat sich mit ihrem Bruder Eric auf die Suche in Guzang gemacht. Cecilia ist mit den zwei Kindern unterwegs, als sie am Rand der Farmen die Großmutter und Eric entdeckt.
Sie rennt zu ihr und "all is sugar and happiness"; alles ist Zucker und Glück! Cecilia ist überglücklich! Als die Sklavenhalterin vom Feld zurückkommt, macht ihr die Großmutter klar, dass sie Cecilia mitnehmen will. Auf das Gewinsel, sie solle doch noch eine Woche bleiben, lässt sie sich nicht ein, auch als die Frau zu zetern und zu weinen beginnt. Cecilia packt ihre paar Habseligkeiten zusammen.

Sie gehen zum Marktplatz von Guzang: aber dort gibt es keine Transportmöglichkeit mehr. Die Nacht bricht schon herein. Da die Großmutter entschlossen ist nach Gemua zu gehen, beginnt nun ein dramatischer Fußmarsch. Es ist August, also Regenzeit, und es regnet auch ununterbrochen! Sie wählen die Abkürzung über Gawola, müssen einen Fluss überqueren, der zu einem reißenden Strom angeschwollen ist - und es ist Nacht. Über den Fluss ist ein Balken gelegt und eine Art Handlauf ist auch da, aber es ist sehr rutschig. Das Wasser steht bis zum Balken. Eric soll Cecilia tragen - die aber weigert sich. Sie rufen den allmächtigen Gott um Hilfe an. Die Großmutter geht voraus, dann folgt Cecilia, und dann Eric. Es ist geschafft.

Noch in der Nacht erreichen sie Gawola, wo ein Onkel Dorfhäuptling ist. Auch dort will die Großmutter jedoch nicht bleiben; es ist nur noch eine Stunde bis Gemua, wo sie dann schließlich total durchnässt, aber glücklich ankommen.

migmag Geschichten über Menschen - Cecilia Achus gezeichnetes Gesicht


Für den Besuch der Grundschule bedeutete dieser ganze Wirrwarr, dass Cecilia bis zum Ende der Klasse 7 drei verschiedene Schulen besucht hat.

Für die Schulabschlussprüfung, das First School Leaving Certificate (FSLC) war kein Geld da. Cecilia tut sich heute sehr schwer beim Lesen und Rechtschreiben. In ihrer Welt sprach man nur Pidgin-Englisch oder die Stammessprachen von Bali und Batibo; und geschrieben wurde seither nicht mehr.

Um so erstaunlicher ist es, dass sie mathematisch-logische Strukturen, ohne je geübt zu haben, beherrscht.


Zum Beispiel kann sie mehrstellige Zahlen durcheinander dividieren und einfache und etwas schwierigere SUDOKUs lösen.

Als die Großmutter auch stirbt, zieht Cecilia in das Haus des Vaters in Gawola. Außer ihr lebt dort im Nebenhaus noch ihr Stiefbruder mit Familie. Cecilia wird schwanger und zieht im 7. Monat nach Etoma/Bali zu einer Tante, die auch Cecilia heißt.
Am 27. August 2005 bringt sie ihren Sohn Ones Ataba zur Welt. Da sie das Kind nicht ernähren kann, wächst es bei der Mutter des "Vaters" auf, mit dem Cecilia anscheinend weiter nichts zu tun hat.


Im Oktober 2005 hat Cecilia dann im Haus der Tante den ersten Unfall. Beim Kochen fällt sie mit dem Gesicht und der rechten Hand in heißes Wasser. Ein Kind hört ihr Schreien und holt die Tante, die sie zu einem Native Doctor in Bali bringt. Der zweite Unfall ereignete sich im März 2006, wo sie (diesmal im Compound der Großfamilie Muchonkwa in Bali) bewusstlos mit der linken Hand ins Feuer gefallen ist. Als man sie findet, wird sie zum gleichen Heiler in Bali gebracht.

Cecilia lebte nun weiter in Gawola aber ganz zurückgezogen und menschenscheu. Sie besuchte nur ab und zu die christliche Jugendgruppe in Gungong und die dortigen Gottesdienste.

Cecilia ist der Ansicht, dass man sie umbringen wollte, weil sie so viel Glück und Segnungen erfahren hatte.

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Autor: Ernst Elsenhans



> Weiter lesen: Cecilias Geschichte, Teil 2, Teil 3

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Fotos: ©Ernst Elsenhans

 
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