Menschen und Migration - Alice Romas: Angekommen, Teil 3 - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Menschen und Migration - Alice Romas: Angekommen, Teil 3

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Menschen und Migration

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Ankommen

Alice Andrea Romas (Jg. `80) kennt sich beim Thema "Ankommen" sehr gut aus. Die Autorin und Journalistin wurde in Temeschburg, Rumänien geboren, wuchs in Deutschland auf und zog nach ihrem Studium nach Südafrika weiter. Sie lebt in Kapstadt und berichtet in migmag über Ihre Erfahrung in einem fremden Land anzukommen.


Menschen und Migration: Die Journalistin Alice Romas ist in Kapstadt gestrandet und berichtet in migmag - Teil 2 - Wo ist deine Heimat



Angekommen



Selbstverständlich bin ich angekommen. Ich kann mich noch genau an den Tag meiner Ankunft erinnern. Ganz genau sogar. Aufgewühlt und aufgeregt erreichte ich damals  mein Ziel. Es war ein warmer Tag, nicht zu heiß, ein schöner frühsommerlicher Morgen. Der Taxifahrer setzte mich am Cape Carnival Backpackers ab, mitten in der Longstreet, der Flanier- und Feiermeile Kapstadts. Wie es mich hierher verschlagen konnte, wusste ich nicht, jedenfalls hatte ich den Vorteil mitten im Rummel zu sein und Kapstadt von der ersten Minute an tief in mich einzuatmen. Um acht Uhr morgens bin ich gelandet, geschlagene zwei Stunden später saß ich schon, mir damals noch nicht bekannt, in einem der populärsten Cafés in einer geschäftigen Seitenstraße. Dekoriert mit tausenden und abertausenden Plastikflaschen und -dosen scheint das "African Café" alles zu recyclen, was man aus Kunststoff bekommen kann. Hier saß ich nun, gerädert vom Flug und überwältigt von meinen ersten Eindrücken. Gut aussehende Geschäftsmänner und -frauen, schreiende Händler, schwarze Mamas mit Gepäck auf dem Kopf und gekleidet in bunten afrikanischen Roben, und dann war da noch die korpulente Kellnerin, die mich Fremde gleich zu sich nachhause einlud. Angekommen bin ich damals im südafrikanischen Frühsommer 2005. Ich kann mich noch genau daran erinnern.

Heimat, den Ort zu nennen, an dem man geboren wurde, wo die Vorfahren Kriege miterleben mussten und die leckeren Familiengerichte herstammen, funktioniert nicht immer. Dazu sind unsere Lebensräume und somit auch die meisten Familien viel zu multikulturell. In allen drei Ländern falle ich aus dem Rahmen. In Rumänien ist es mein deutscher Akzent, in Deutschland sind es meine dunklen Augen und in Südafrika kommt alles zusammen. Könnte zur Verzweiflung führen. Mit der Einstellung zu leben, sich für eines der Länder, für eine der Kulturen entscheiden zu müssen, ist für das Gemüt quälend, davon rate ich ab. Letztendlich kann ein Herz für mehrere Orte, Menschen und Gewohnheiten schlagen. Heimat ist auch immer das, woran man sich gewöhnt, wohin man gerne zurückkehrt. Immerhin steckt das große Wort "Heim" in Heimat. In meinem Herzen habe ich in jedem Land einen Ort, an dem ich mich wohl und vor allem zuhause fühle, den ich mit Gerüchen und Empfindungen verbinde, die es mir einfach machen, anzukommen. Momentan fühle ich mich daheim, hier wo ich bin. Wo mein Heim in einigen Jahren sein wird, kann ich nicht sagen, sonst stutze ich meine Flügel und schränke meine Vogelfreiheit ein.

Heim und Ankommen sind also durch ein dickes Band miteinander verknüpft. Man assoziiert nicht nur Gerüche, Gespräche, vertraute Orte und liebe Menschen mit einem gewissen Wohlbefinden, sondern auch äußerliche Umstände; jene, die einem beim Ankommen behindern oder helfen können, spielen für den Schiffbrüchigen eine Rolle. Malt man die jeweiligen Lebensumstände schwarz, kommt man nie an. Retuschiert man sie mit  einer rosaroten Brille, dann auch nicht. Für mich als Deutsche in der Kultur der Südafrikaner anzukommen, könnte ich mit einem Zug vergleichen, der die beiden immer gleichen Ziele regelmäßig anfährt, dort ankommt und sie wieder verlässt. Mal sind es die bürokratischen Umständlichkeiten, mal sind es geliebte Menschen, die nicht ersetzbar sind und manchmal ist es das Gewissen und die Gesellschaft, die mit Argusaugen die rasante Zugfahrt beobachtet und mich aus der Balance bringen. Fährt der Zug mal wieder in Richtung Südafrika und durch die mir so vertrauten Landschaften, vorbei an Charakteren, die in meinem Leben bedeutsam geworden sind und bleibt er dann direkt vor meinem kleinen Mietshaus in Kapstadt stehen, dann fühle ich mich angekommen. Angekommen bei mir und in mir. Dort fängt ankommen an. In dir selbst. Wenn du bei dir angelangt bist, spielt das Wo und das Wieso eine geringere Rolle. In der Praxis ist das nicht so einfach und gleicht eher einer lebenslangen Aufgabe. Und kaum besteigt man einen Zug gen Norden, beginnt das Rätsel aufs Neue.
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Autorin: Alice Romas/27.03.2011




> Teil 1: Von Gestrandeten und Freiheitsliebenden
> Teil 2: Wo ist deine Heimat?
> Teil 3: Angekommen




Alice Romas Rezept "Milk Tart"

Menschen und Migration: Alice Romas ist gebürtige Rumänin, in Deutschland aufgewachsen und lebt jetzt in Südafrika - Teil 2 Heimat



Fotos: Portrait + Hintergrund ©by Alice Romas, Bild unten: ©by David Girod/www.pixelio.de

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