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Kunst und Migration: Allah der Superheld - islamische Comic "The 99"

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Kunst und Migration
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Kunst und Migration: islamischer Comic "The99"


Allah, der Superheld
Der islamische Comic "The 99"


Darf es so etwas wie islamische Superhelden geben? Der Kuwaiti Naif Al-Mutawa ist der Schöpfer der Comic Superhelden "The 99". Unter Jugendlichen im arabischen Raum sind die Comics so populär, dass Endemol daraus jetzt dort eine Fernsehserie produziert. "The 99" stehen für die 99 Namen Allahs.
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Der Muezzin ruft und die Gläubigen kommen zum Gebet. Das ist Normalität in arabischen Ländern. Hinter der Fassade jedoch herrscht ein islamischer Richtungskampf. Ausgerechnet aus Kuwait - einem der konservativsten Länder der Region - kommt ein Impuls, der junge und weltoffene Araber begeistert. "Die Hauptidee ist es, zu denselben Quellen zu gehen, aus denen andere negative Botschaften ziehen und sie durch positive zu ersetzen", sagt der Erfinder der Comichelden "The 99", Naif Al-Mutawa. "Für mich ist der Islam perfekt, aber ich weiß auch, dass Muslime es nicht sind. Ich glaube an das Prinzip 'Müll rein, Müll raus'. Wenn man also etwas mit schlechten Gedanken betrachtet, wird man auch Schlechtes herausziehen. Das Gleiche gilt für positive Gedanken."

Kunst und Migration: Der islamischer Comic "The99"

Superheld Allah: Geschäftsidee und sozialer Grund

Im Jahr 2004 entstand das ehrgeizige Projekt des promovierten Psychologen Naif Al-Mutawa. Heute beschäftigt er mehr als 700 Mitarbeiter in seinem Verlag Teshkeel. Die 99 Helden stehen für die 99 Attribute Allahs: der Gnädige, der Weise, der Starke, der Tolerante und so weiter. Sie sollen arabischen Kindern die positiven Seiten des Islam nahebringen und sie gleichzeitig unterhalten. Jeder der Superhelden hat eine dieser Eigenschaften als besondere Gabe. Und das kommt an bei den Kids. Auch wenn es nur den Wenigsten bewusst sein wird, die Verbindung zwischen Religion und Comic- Superhelden ist alles andere als neu.

"Superman kam vom Himmel in einem Korb wie Moses", sagt Al-Mutawa. "Supermans Vater sagte: 'Ich schicke euch meinen einzigen Sohn'. Das ist der Gott in der Bibel, wenn er über Jesus spricht. Und trotzdem sind die Geschichten säkular. Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen noch nicht einmal, dass dies biblische Archetypen sind. Hollywood nutzt sie seit 100 Jahren. Es ist natürlich auch eine Geschäftsidee, das Gleiche mit dem Koran zu machen, aber es gibt auch einen sozialen Grund für dieses Projekt. Ich habe es satt, dass es Menschen gibt, die meine Religion missbrauchen, um ihre persönliche Gewaltbereitschaft zu rechtfertigen."

Islamische Werte gegen Identitätskrise

Ein zwangloser Umgang zwischen den Geschlechtern findet selten in der Öffentlichkeit statt. Fast eine halbe Milliarde Menschen auf der Welt spricht Arabisch. Mehr als die Hälfte davon sind unter 24 Jahre alt. Unter der Oberfläche brodelt ein Generationen-Konflikt zwischen Traditionalisten und Modernisten. Hinzu kommt, dass sich junge Araber seit dem 11. September 2001 vom Rest der Welt gebranntmarkt fühlen. Naif Al-Mutawa, als gläubiger, aber toleranter Muslim, gibt vielen jungen Arabern neues Selbstbewusstsein.

"Naif Al-Mutawa gibt den jungen Menschen eine andere Perspektive zu der Frage, was es bedeutet ein Muslim zu sein und zeigt ihnen, dass auch sie ihren Platz in der Weltgemeinschaft haben", sagt Rawda Awwad von der American University Kuwait. "Islamische Werte, wie das Gute, das Moralische, das Hilfsbereite, das Verantwortungsbewusste und das Ganzheitliche thematisiert er in seinen Heften. Das hilft jungen Arabern in ihrer Identitätskrise. Es tut der heutigen Generation gut, zu sehen, wenn ihre islamische Kultur respektiert wird."

Barack Obama ist auch Fan

In einem Trailer werden die Hintergründe des Projekts beschrieben. Dabei wird auf die große Geschichte der islamischen Kultur zurückgegriffen. Im 13. Jahrhundert wurde Bagdad, damals Zentrum der Wissenschaft und Zivilisation, von den Mongolen zerstört. Das Wissen aus der alten Stadt bildet die Grundlage der 99 Heldengeschichten. Mittlerweile ist aus den Comics auch eine Fernsehserie entstanden, die selbst in den USA gesendet werden soll.

Auch an Barack Obama ist die Fusion aus amerikanischer Kultur und islamischen Werten nicht vorbeigegangen. "Ich muss sagen", so Obama, "die vielleicht innovativste Idee stammt von Naif Al-Mutawa aus Kuwait, der heute bei uns ist. Seine Comic-Hefte, mit Superhelden, die die Weisheit und Toleranz des Islam verkörpern, haben zahllose junge Menschen fasziniert. Nach meiner Versöhnungsrede an die islamische Welt in Kairo hatte er eine ähnliche Idee. Also reichten Superman und Batman ihren islamischen Superheld-Kollegen in den Comics die Hand. Und wie ich höre, machen sie Fortschritte."

"The 99"-Themenpark

Mittlerweile werden die Hefte im gesamten arabischsprachigen Raum vertrieben. Auch in anderen islamischen Ländern wie Indonesien und Malaysia finden sie reißenden Absatz bei den Jugendlichen. Das schafft auch Arbeitsplätze. Denn abgesehen von der Ölproduktion gibt es in Kuwait kaum Industrie. Islamische Kultur und Mode kann auch jung und cool sein. Das ist die Botschaft der Hefte. Auch einen Themenpark zu den 99 Helden gibt es schon - eine der wenigen Unterhaltungs-Möglichkeiten für junge Leute in Kuwait. Dabei konsumieren sie unbewusst eine weitere Botschaft des cleveren Psychologen Al-Mutawa. "An den Wänden des Themenparks - und darauf bin ich stolz", so Al-Mutawa, "sieht man Bilder von Superhelden aus Indien, Pakistan und Europa, also aus Regionen, die von Kuwaitis nicht besonders respektiert werden. Hier spielen die Kids also zwischen diesen ausländischen Superhelden und damit sende ich auch eine Botschaft an sie."

Vor genau 20 Jahren wurde Kuwait von Saddam Husseins Truppen befreit. Das kleine Emirat entwickelte sich zunächst zu einem der liberalsten Länder Arabiens. Doch heute ist es - mit Saudi Arabien und Iran - das wohl konservativste Land in der Region. Weltoffene Freidenker wie Naif Al-Mutawa spüren also häufig auch Misstrauen. "Eine meiner größten Schwierigkeiten ist", sagt Naif Al-Mutawa, "dass jeder denkt, ich würde für andere arbeiten. Hier denkt man, ich arbeite für die Amerikaner und dort denkt man, ich hätte irgendeine islamische Agenda. Meine einzige Agenda sind aber meine Kinder. Ich möchte, dass sie stolz darauf sind, wer sie sind und wo sie herkommen. Ich weigere mich hinzunehmen, dass sie mit dem Bewusstsein aufwachsen könnten, der Islam sei eine Quelle des Terrors."

Radikalislamische Kritiker seiner Comics machte er von vornherein mundtot - mit Hilfe des Koran. Die Finanzierung stammt von einer islamischen Bank, die jedes Projekt erst auf seine Scharia-Tauglichkeit prüft. Die 99 Helden bestanden diese strenge Prüfung. So schlägt man Fundamentalisten.

Mehr Information über Naif Al-Mutawa unter http://www.al-mutawa.com

Zum Comic http://www.the99.org/

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Quelle: Dominik Eisenhart-Rothe für Kulturzeit / tm am 11.01.2011

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