Geschichten über Menschen - Reise nach Brasilien - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Geschichten über Menschen - Reise nach Brasilien

____________________________

Geschichten über Menschen
____________________________

Migration Integration in Deutschland und Migranten - migmag Luftpost aus Brasilien

Luftpost aus Brasilien

Mit seiner Luftpost erzählt Wellemut in regelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse in Brasilien, wo er derzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Über Wellemut:
Ich bin Wellemut. Zumindest nenne ich mich so, während ich aus Brasilien für "migmag" berichte. Wie der Name sagt, bin ich mutig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, vor dem ich Angst haben sollte. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt nach meinem Abitur einen entwicklungspolitischen Dienst in der Südzone São Paulos zu machen, in einer Favela, der Wohngegend der Armen. Gerade 20 Jahre alt geworden, bin ich aber, anders als es mein Name vermuten lassen könnte, im August 2010 nicht mit dem Boot über die Wellen des Atlantischen Ozeans gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Seither tauche ich jeden Tag tiefer in die Fluten der bunten brasilianischen Kultur ein.

In einer Sozialorganisation arbeite ich als Hortgruppenleiter mit Kindern zwischen 10 und 15 Jahren und lerne so relativ schnell die portugiesische Sprache, die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Immigration. Nachmittags gebe ich Cello-Unterricht und abends erlebe ich das brasilianische Leben.


Blog do Brazil - Eine Reise nach Brasilien
______________________________________________________________________________________________________________


Ich besteige das Flugzeug zum Nachtflug von Frankfurt nach São Paulo. Zu meiner Linken liest ein Mann die Frankfurter Rundschau. Alles um sich herum - Fahrgäste, Sicherheitshinweise und Filmprogramm, scheint er ausgeblendet zu haben; er ist nur auf sich und die Zeitung fixiert. Ganze dreimal während des 10-Stunden-Fluges lässt er sich von der Stewardess bedienen. Ansonsten würdigt er weder sie noch mich, noch sonst irgendetwas auch nur einens Blickes. Die Armstütze hat er zur Hälfte für mich freigelassen, auch wenn ich sie gerade gar nicht brauche. Für mich ist klar, ihn sollte ich erst ansprechen, wenn das Flugzeug oder die New Yorker Börse abstürzt. Ein deutscher routinierter Vielflieger.

Noch bevor ich mich gesetzt habe, fragt rechts von mir ein 35-jähriger, gut gebräunter Schlipsträger in akzentreichem, aber gutem Englisch, wie es mir geht. Ich brauche einen kurzen Augenblick, um mich an den neuen Akzent zu gewöhnen und um mich zu vergewissern, dass wirklich ich gemeint bin. Als der Typ mir aber freundlich in die Augen blickt und kein Zweifel mehr besteht, antworte ich höflich. Statt dass der Small Talk nun zu Ende wäre, halte ich seine kräftige Rechte in der Hand und mache Bekanntschaft mit Roberto, dem brasilianischen Ingenieur für Kühlaggregate, einem Pendler zwischen Deutschland und São Paulo.

Während ich von meinem routinierten Vielflieger zu meiner Linken kein einziges Lächeln, geschweige denn einen Gruß erhasche (obwohl er immerhin meine Muttersprache spricht), ist das Gespräch mit Roberto gleich in vollem Gange.

Praktisch gleich nach der Begrüßung hat er meinen Beziehungsstatus abgefragt. Etwas überrascht über die direkte Art, antworte ich zögernd und undeutlich. Die Antwort scheint für ihn auch nicht maßgebend zu sein; klar ist, ich brauche eine brasilianische "Namorada" (Freundin) denn die brasilianische Frauen seien die schönsten.

Für kurze Zeit sinkt unsere Konversation auf ein Niveau, das ich in Deutschland nur vom Trampen mit Lkw-Fahrern kenne. Zurückhaltend und etwas zögerlich frage ich den mir vor 10 Minuten noch Unbekannten, ob er verheiratet bzw. liiert sei. Ganz klar ist seine Antwort auch nicht, aber nicht aus Gründen der Schüchternheit. Auf jeden Fall hat er ein paar Kinder, welche sogar eine Privatschule besuchen, was in Brasilien sehr teuer ist. Er hat auch eine Frau, doch er gesteht augenzwinkernd ein, dass er deutsche Frauen manchmal auch recht attraktiv findet.

Es ist ein ruhiger Mann, viel beschäftigt, und er gehört zur oberen Mittelschicht. Ein gehobener Wohnstandard ist in Brasilien sehr teuer. Kurz beschreibt er, auf mein mehrmaliges Fragen nach der Sozialpolitik im Land, dass Brasilianer viel zu viele Steuern zahlen müssten, wobei der Nutzen weder für die Armen noch für Familien bw. die Infrastruktur ersichtlich sei. Doch Meckern ist nicht seine Art und Politik interessiert ihn kaum.

Unser Gespräch führt  bald zum Thema Reisen in Brasilien, welche Strände am schönsten sind. Er kennt sich aus mit dem Reisen, weiß auch, wie es ist, in eine neue Kultur zu kommen. Mit einem Blick auf die spärliche Flugzeugkost bringt er mir ein paar wichtige Wörter bei: "Arroz e feijões"
(Reis mit Bohnen, ein Gericht, das es hier in der Peripherie zu jedem Mittagessen gibt) Löffel, Teller, Serviette (Servietten bestehen in Brasilien aus nicht saugfähigem Papier).

Er betrachtet seine Umwelt aufmerksam, was um ihn herum geschieht, wer kommt, wer geht. Lässt hin und wieder einen Kommentar zu weiblichen Fluggästen fallen. Das Ende des Gesprächs ist schließlich der Fußball, da auf dem Fernsehbildschirm über uns gerade alle Tore der WM im Schnelldurchlauf zu sehen sind. Das Thema Fußball hat mich noch nie interessiert, selbst die WM habe ich nur halbherzig verfolgt. Doch Roberto kennt die deutsche Nationalelf besser als jeder mir bekannte Fußballfan je zuvor. Er kennt die Stärken und Schwächen der Spieler, erklärt mir die deutschen Spielstrategien, lobt sie. Hin und wieder nicke ich so viel wissend, wie ich nur kann.

In einer kurzen Redepause schläft er ein. Entspannt und schnell. Ich bin etwas überrascht, doch er wacht erst wieder auf, als wir gelandet sind. Er hilft mir bei den Formularen für Zoll und Einreise und unsere Wege trennen sich, als ich mich in die lange Schlange der "foreigner" einreihe und er durch die freien Schalter für brasilianische Staatsbürger huscht.

___________
Autor: Wellemut


Alle Artikel von Wellemut aus Brasilien

> 1. Artikel von Blog do Brasil Reise nach Brasilien

> 2. Artikel von Blog do Brasil Festa, Festa!
> 3. Artikel von Blog do Brasil Sauerkrautphase
> 4. Artikel von Blog do Brasil Unterschiede
> 5. Artikel von Blog do Brasil Amazonien, Manaus und Indios
> 6. Artikel von Blog do Brasil In Brasilien gibt's keine Brasilianer mehr
> 7. Artikel von Blog do Brasil Das Märchen von Eduardo dem Erdnussbauern
> 8. Artikel von Blog do Brasil Heimat - warum soll ich in Brasilien sein?


_____________________

Kommentar abgeben
_________________________



Fotos: Strandbar ©by Kunstzirkus, Bananenstaude ©by Roberto Falconi /www.pixelio.de

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü