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Geschichten über Menschen - Festa, Festa

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Geschichten über Menschen
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Migration und Integration in Deutschland, Migranten - Blog de Brasil

Luftpost aus Brasilien

Mit seiner Luftpost erzählt Wellemut in regelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse in Brasilien, wo er derzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Über Wellemut:
Ich bin Wellemut. Zumindest nenne ich mich so, während ich aus Brasilien für "migmag" berichte. Wie der Name sagt, bin ich mutig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, vor dem ich Angst haben sollte. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt nach meinem Abitur einen entwicklungspolitischen Dienst in der Südzone São Paulos zu machen, in einer Favela, der Wohngegend der Armen. Gerade 20 Jahre alt geworden, bin ich aber, anders als es mein Name vermuten lassen könnte, im August 2010 nicht mit dem Boot über die Wellen des Atlantischen Ozeans gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Seither tauche ich jeden Tag tiefer in die Fluten der bunten brasilianischen Kultur ein.

In einer Sozialorganisation arbeite ich als Hortgruppenleiter mit Kindern zwischen 10 und 15 Jahren und lerne so relativ schnell die portugiesische Sprache, die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Immigration. Nachmittags gebe ich Cello-Unterricht und abends erlebe ich das brasilianische Leben.


Blog do Brazil - Festa, Festa!
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Der Nachtflug ist um 5 Uhr morgens in São Paulo angekommen. An diesem 16. August ist es recht frisch, es ist Winter auf der Südhalbkugel. Mit meinem Rucksack und der dicken Sporttasche, insgesamt 50 kg, verzichte ich aber auf einen Pulli. Stress wird in Brasilien vermieden, indem man einfach sehr viel Zeit einplant und so habe ich nun 5 Stunden Zeit um zum anderen Flughafen zu kommen, wo mich ein Mitarbeiter der Sozialorganisation, in der ich für ein Jahr arbeiten werde, abholen wird.

Normalerweise kann man gegen Vorlage des Flugtickets kostenlos zum anderen Flughafen fahren, doch mein Lufthansa Ticket gefällt den Busfahrern nicht. In Brasilien gibt es im Vergleich zu Deutschland sehr viele Service-Points, Servicepersonal und Berater, die sehr gerne weiterhelfen und so mache ich mich auf zu einem von ihnen. Auch wenn ich außer Begrüßung und Vorstellung kein Wort Portugiesisch kann, möchte ich auf Englisch die Busfahrt für mein Flugticket erkämpfen, um 30 Reais, ca. 15 € zu sparen.

Bald merke ich jedoch, kein Mensch kann hier besser Englisch als ich Portugiesisch. Die Angestellten scheinen aber unendlich Zeit zu haben, studieren mein Flugticket und erklären mir endlos lang, weshalb es nicht geht. Natürlich verstehe ich fast gar nichts, und mir ist es etwas peinlich, so viel ihrer Zeit und Geduld zu beanspruchen; doch für sie scheint das kein Problem zu sein. Sie reden gerne und freuen sich mit einem "Gringo" (Fremden) sprechen zu können.

Ich kaufe das Ticket und komme im Strom des dichten Verkehrs entlang von Sumpfgebieten, Favelas und Pannenautos in die 20 Millionen Einwohner Metropole São Paulo, die größte und bedeutsamste Stadt Südamerikas. In meiner Einrichtung werde ich herzlich begrüßt: Ein neuer Volu (Freiwilliger). Meine Kenntnisse der Begrüßung "tudo bem!" werden rege gelobt. Eine Fremdsprache kann der Durchschnittsperipheriebewohner nicht.

Ich habe bereits einen Tag in Deutschland, einen ewigen, schlaflosen Flug und einen halben Tag in Brasilien hinter mir, da kommt die Einladung für eine Festa. Ich bin verwundert, gerade erst bin ich angekommen und schon erhalte ich eine Einladung für eine Party in einem anderen Stadtteil. Zum Vergleich dazu, vor einem Jahr, nach einem einstündigen Flug nach England, wurde von mir erwartet, dass ich mich für den Rest des Tages ausruhen müsse und während der ganzen zwei Monate im Inselstaat wurde ich auf keine Party in eine Privatwohnung eingeladen. Doch hier schon am ersten Tag und es sollte seitdem kein Wochenende ohne mindestens eine Party vergehen. So bleibt mir jetzt auch nicht viel Zeit, in das Freiwilligenhaus einzuziehen. 36 Stunden bin ich wach und es geht auf meine erste brasilianische Festa
.

In einer anderen sozialen Einrichtung wird ein Abschiedsfest für einen Freiwilligen gefeiert. Es wird typisch brasilianisch gegrillt. Bei dem "Churrasco" bringt jeder Gast etwas Fleisch mit, salzt es ordentlich und ab geht es auf den Grill. Ein Grillmeister kümmert sich darum, und sobald es zart und knusprig ist, schneidet er es in kleine Würfel, wirft es in eine Schale Maniokmehl und lässt die Schale kreisen. Dazu macht auch ein großes Dreilitergefäß die Runde, in dem zunächst Limonenstückchen zerquetscht wurden, worüber dann etwa ein halbes Kilo Zucker geleert wurde und das schlussendlich mit dem, in Brasilien supergünstigen Caçhaca aufgefüllt wurde. Die Stimmung ist ausgelassen, laute Musik, alles tanzt.

Auch wenn ich hier keinen kenne, werde ich von allen begrüßt. Die Männer tun das mit einem lockeren Handschlag, die Frauen mit einer Umarmung und einem geräuschvollen Kuss. Alle interessieren sich für mich. Manche bröseln ein paar Brocken Deutsch hervor: "Isch libe disch", "Aschloch" oder sogar "Heil Hitler", worüber ich jedoch nicht lachen kann. Es ist ein Riesenspaß, auch wenn ich nichts verstehe.

Brasilianer sind in der Regel offen neuen Menschen gegenüber. Sie integrieren sie sofort in ihren feurigen Lebensrhythmus, sprechen mit ihnen, auch wenn sie nichts verstehen und die Partylaune versiegt nie. Roberto aus dem Flugzeug war keine Ausnahme, ich treffe fast nur Brasilianer dieser Art. Bei dieser angenehmen Offenheit bleibt mir keine andere Wahl als mich zu assimilieren. Eine Integrationsdebatte, wie wir sie in Deutschland derzeit verfolgen, würde es hier, meiner Meinung nach, nie geben.
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Autor: Wellemut, 18.11.2010


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Fotos: Strasse ©by Kunstzirkus, Museum ©by Carlosh /www.pixelio.de

 
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