Geschichten über Menschen - Amazonien, Manaus und Indios - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Geschichten über Menschen - Amazonien, Manaus und Indios

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Geschichten über Menschen
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Luftpost aus Brasilien

Mit seiner Luftpost erzählt Wellemut in regelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse in Brasilien, wo er derzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Über Wellemut:
Ich bin Wellemut. Zumindest nenne ich mich so, während ich aus Brasilien für "migmag" berichte. Wie der Name sagt, bin ich mutig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, vor dem ich Angst haben sollte. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt nach meinem Abitur einen entwicklungspolitischen Dienst in der Südzone São Paulos zu machen, in einer Favela, der Wohngegend der Armen. Gerade 20 Jahre alt geworden, bin ich aber, anders als es mein Name vermuten lassen könnte, im August 2010 nicht mit dem Boot über die Wellen des Atlantischen Ozeans gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Seither tauche ich jeden Tag tiefer in die Fluten der bunten brasilianischen Kultur ein.

In einer Sozialorganisation arbeite ich als Hortgruppenleiter mit Kindern zwischen 10 und 15 Jahren und lerne so relativ schnell die portugiesische Sprache, die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Immigration. Nachmittags gebe ich Cello-Unterricht und abends erlebe ich das brasilianische Leben.


Blog do Brazil - Amazonien, Manaus und Indios
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Für 4 Wochen raus aus São Paulo und rein in den Regenwald. Da kann man fast schon von einer "Migration" sprechen. Darüber hinaus, obgleich beide Orte in Brasilien liegen, von einer Migration in eine andere Kultur, einen anderen Lebensraum. Denn Amazonien liegt in der heißen Äquatorregion, eingeschlossen und isoliert von dichtem Regenwald und ist nur auf dem Wasser- oder Luftweg  zu erreichen. Es ist ein Paradies der Früchte, Vögel und des Kunsthandwerkes, auf einer Insel der Gelassenheit.

In Sao Paulo haben viele daran gezweifelt, dass ich gesund zurückkommen würde. Die Gefahr vor Tiger, Löwen und Krokodilen drohen in der grünen Hölle ... All diese Tiere gibt es nur in Afrika und das grüne Paradies bezeichne ich als die lebensfreundlichste Region, die sich ein Mensch suchen kann. Doch die Vermutung der Paulistas zeigt, wie wenig Manaus und São Paulo voneinander wissen. Es gibt zwar Schlangen und andere Urwaldtiere, doch die sind, abgesehen von den Stechmücken, wovon es an manchen Orten wirklich zu viele gibt, sehr scheu. Ansonsten gibt es Wasser, Wärme und Wald ohne Ende. Wer dazu noch eine Hängematte und ein Moskitonetz mitnimmt, hat schon vollen Komfort im Urwald. Wer noch einen Angelhaken dabei hat und sich mit indigenen Gemeinschaften zusammentut, kann mit Fisch, Mandiokaleckerein und Obst  kulinarische Höhepunkte genießen.

migmag - Blog de Brasil, ein Papagei im Urwald
migmag - Blog de Brasil, Regenwald


Auf meiner Reise verbrachte ich viele Tage in Manaus, der Millionenstadt inmitten von grünem Wald. Die Stadt des Fisches, der Früchte und des Schmucks aus Samen, Knochen und Federn, in Handarbeit hergestellt von den indigenen Frauen, welche ihre abgelegene Dörfer an den Flüssen verlassen haben und damit ihre Stämme und deren Kultur. In dieser "Zone des Westens" inmitten von Urvölkern spürte ich wirklich ein Zusammentreffen von zwei Welten und es stellten sich viele Fragen..
Warum bleiben die Indianer nicht in ihren Dörfern, um dort ihre Kultur aufrecht zu erhalten, sondern kommen in die Städte, leben als Lastenträger, Kunsthandwerker oder Arbeitslose an den Docks des Hafens und den Favela-Vororten im Norden? Was zieht sie in die Stadt und was hält sie von einer Rückkehr in die Dörfer ab? Einige Antworten darauf habe ich auf der weiteren Reise gefunden, ob es jedoch richtigen sind, muss ich offen lassen.

Für die meisten lockt die Stadt mit ihrem prallen Leben, mit Geld und Alkohol. Doch um zu verstehen, von was sich die Jugendlichen fortlocken lassen, bin ich in zwei verschiedene "Aldaias", Indianerdörfer am Rio Negro, gereist. Santa Maria, zwei Stunden Bootsfahrt von Manaus flussaufwärts, ist eine kleine Gemeinde mit 15 Familien. Wie jede "Comunidade" trägt es einen christlichen Namen und hat ein Gesundheitszentrum, eine Schule und eine Kirche. Indios sind nur Christen, wenn sie jemand eindringlich dazu auffordert. Und da im Urwald immer noch der Glaube an den "Großen Geist" überwiegt, sind Vertreter der, meist evangelisch orientierten Kirchen, sehr aufdringlich und extrem; - Missionare, die ihren Glauben in die Welt "posaunen", findet man hier überall. Wer kein sichtbares Kreuz um den Hals trägt, wird im Bus, auf der Straße und im Laden oft und penetrant darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus einen
liebt. Oft fühlte ich mich an die Missionierung und den Ablasshandel im europäischen Mittelalter erinnert.

migmag - Blog de Brasil, Brandrodung um Regenwald
migmag - Blog de Brasil, Siedlung


In Santa Maria half ich einem indigenen Freund beim Bau eines Restaurants für Touristen der Olympischen Spiele 2012 und der Fußball-WM 2014. Dazu musste ich mit den indigenen Helfern für 2 Tage im Urwald Holz und Palmenblätter sammeln, um das Dach zu decken. Wir schliefen eine Nacht im Urwaldcamp. Hier lernte ich die Indios von ihrer traditionellen Seite kennen. Ein Beispiel: Die Äquatorsonne steht quasi senkrecht über uns, rundherum ist tiefer, grüner Urwald, es gibt keine Wege und keine Orientierungspunkte. Mit Macheten bewaffnet schlagen sich die Indios einen Pfad und wie von Geisterhand geleitet, stehen sie nach 3 Stunden Fußmarsch am Ziel. Die schweren Palmenblätterbündel schleppen wir zurück zum Fluss und abends, bevor es eine Fischsuppe mit dem gelben, groben Mehl aus Mandioka gibt, bedankt sich der älteste Indianer für das Essen, beim "großen Geist". Hier lebte noch die alte Kultur.

Weiter oben am Rio Negro, 5 Tage Bootsfahrt von Manaus entfernt, liegt Santa Isabel. Wie der Name schon sagt, gibt es dort ebenfalls eine Kirche. Es ist bereits eine Stadt und es gibt ein paar geteerte Straßen. Doch hier begrüßt einen der Alkohol in rauen Mengen. Es gibt keine Kaserne, wo sonst die Jugendlichen aus Gründen der Wehrpflicht und mangels Alternativen hingehen müssen. Wer nicht beim Rathaus, einer Bank oder der Tankstelle arbeitet, ist arbeitslos. Triste Aussichten, die mit dem Alkohol weggespült wurden.
In dieser Stadt gibt es keine Kultur: Keine Universität, keinen Tanzverein, nur heruntergekommene Bars.

Doch auf einer "Sitiu", einem einsamen Gelände im Wald, steht ein "Casa da Farinha", eine Holzhütte gedeckt mit Palmenwedeln, in der auf zwei großen Herden Mandiokamehl getrocknet wurde. Hier kann man die traditionelle Anpflanzung, Verarbeitung und Zubereitung von Mandioka, der Urwaldkartoffel, erleben. Dabei machte ich mir auch oft über den Umweltschutz Gedanken. Für den Mandioka-Anbau werden Flächen von reinem Urwald, höchstens in der Größe eines Fußballfeldes, abgebrannt. Für drei bis vier Jahre wachsen dann Mandioka, Zuckerrohr, Bananen, Açai und sonstige Früchte. Danach ist der Urwald wieder so weit nachgewachsen, dass die nächste Fläche abgebrannt werden muss. Dieser natürliche Kreislauf basiert vollständig auf Handarbeit und ohne Dünge- und Spritzmittel. Der Wald, der auf einer 50cm dicken Schicht Erde wächst, worunter reiner "Wüstensand" ist, erholt sich selbstständig und die Flora wird nicht zerstört.

Es war eine spannende Reise in eine "alte Kultur im Umbruch". Wohin das führen wird, liegt zu großen Teilen daran, wie sich die Indios der Herausforderung stellen. Mit ihrer eigenen Kultur gehen sie sehr zurückhaltend um. Trotzdem sind sie offen, möchten ihre Kultur aber nicht anderen aufdrücken. Vielleicht können sie diese, auch in der zivilisierten Lebensweise, beibehalten.
Die Rolle des Staates ist bei diesem Umbruch nicht nebensächlich. Er gibt den Indios zwar Rechte, doch keinen Schutz weiterhin im Urwald ohne Gesetze zu leben. In jedem Indianerdorf, das nicht durch undurchdringlichen Regenwald geschützt ist, werden Schulen, Kirchen und Gesundheitsposten errichtet, zum Teil von Behörden. Sie dienen dem Schutz der Indianer, denn sie möchten die Gesundheit in den Dörfern garantieren, den jungen Indios eine Chance im späteren Beruf geben und sie über die Kirche an westliche Werte gewöhnen. Immerhin wird in den Schulen in der indigenen Sprache des jeweiligen Stammes unterrichtet. Das Recht eine Impfung zu verweigern haben die Indios nur auf dem Papier.

Der natürliche Lebensraum wird der Indianer wird auch durch "Naturschutz" eingeschränkt. Sie dürfen keine Bäume mehr fällen oder abbrennen, um Häuser und Boote zu bauen oder Felder für die Ernährung zu schaffen. Dazu müssen alle Indios spätestens wenn sie ihr Dorf verlassen, einen Pass beantragen, wofür es Voraussetzung ist, die harte Grundausbildung des Militärs zu absolvieren.

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Autor & Fotonachweis: ©Wellemut, 07.02.2011


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